Von der Beziehung zur Partnerschaft – eine Reise zu sich selbst
Vielleicht kennst du das: Du lernst einen Menschen kennen, findest ihn sympathisch – und gleichzeitig löst die Begegnung viele innere Reaktionen und vielleicht auch Konflikte in dir aus.
Die Person wirkt auf dich zum Beispiel unabhängig und frei. Es scheint, als würde sie mit einer gewissen Leichtigkeit durchs Leben gehen. Du fragst dich vielleicht: Wie kann sie das? Warum gelingt mir das nicht?
Während du diese Freiheit im anderen wahrnimmst, fühlt es sich in dir möglicherweise eng an. Vielleicht taucht ein Gefühl von Unzulänglichkeit auf. Oder du bemerkst, dass dir Veränderungen Angst machen.
Manchmal sind solche Gefühle schwer auszuhalten. Dann kann es leichter sein, den Blick nach aussen zu richten. Plötzlich ärgern wir uns über die Unzuverlässigkeit, Sprunghaftigkeit oder Ungebundenheit des anderen. Etwas, das uns im Gegenüber fasziniert, kann uns gleichzeitig irritieren oder sogar wütend machen.
Eine Geschichte der Überlagerung beginnt: Eigene Wünsche, Ängste und alte Erfahrungen vermischen sich mit dem Bild, das wir vom anderen haben.
Auch in Paarbeziehungen lässt sich das gut beobachten. Vielleicht übernimmt ein Teil der Partnerschaft immer mehr Verantwortung, während der andere zunehmend weniger davon trägt. Mit der Zeit können sich daraus feste Rollen entwickeln.
Die Gefühle, die in solchen Situationen ausgelöst werden, sind dabei manchmal viel älter als die aktuelle Beziehung. Sie können ihren Ursprung bereits in unserer Kindheit haben.
Vielleicht wurde ein Mensch als Kind in seinem Bedürfnis nach Autonomie immer wieder eingeschränkt. Die natürliche Entwicklung hin zu Selbstständigkeit und Eigenständigkeit konnte sich dadurch möglicherweise nicht frei entfalten.
Um schmerzhafte Gefühle nicht immer wieder erleben zu müssen, entwickeln Menschen Schutzstrategien. Eine Möglichkeit besteht darin, möglichst viel kontrollieren zu wollen. Eine andere kann sein, die eigenen Bedürfnisse zugunsten einer Beziehung zurückzustellen – verbunden mit der Hoffnung, dadurch Zugehörigkeit und Bindung zu sichern.
So bewegen wir uns mit ganz unterschiedlichen Schutzmechanismen, Rollen und Masken durch unser Leben.
Und wir entwickeln viele Möglichkeiten, um unangenehme Gefühle nicht spüren zu müssen. Vielleicht trinken wir zu viel Alkohol, essen mehr, als uns guttut, lassen uns stundenlang von Bildschirmen ablenken, treiben exzessiv Sport oder versuchen ständig, besonders erfolgreich oder leistungsfähig zu sein.
All das kann kurzfristig Erleichterung verschaffen. Doch das, was in uns gesehen, verstanden und gefühlt werden möchte, verschwindet dadurch meist nicht dauerhaft.
In unseren Beziehungen kann sich das beispielsweise darin zeigen, dass wir vom Gegenüber erwarten, etwas für uns zu lösen: Was ich selbst nicht schaffe oder mir nicht geben kann, soll die andere Person kompensieren. Erfüllt sie diese Erwartung nicht, entsteht schnell Enttäuschung oder Schuldzuweisung.
Die Verantwortung für das eigene Erleben wandert nach aussen.
Mein Astrologielehrer sprach damals von „Beziehung“ einmal ganz wörtlich: Wir beziehen uns aufeinander, manchmal ziehen wir sogar aneinander. Dieses Bild ist mir geblieben.
Natürlich wird es in zwischenmenschlichen Beziehungen vermutlich nie ein vollkommenes Gleichgewicht geben. Wir brauchen andere Menschen, und wir dürfen uns aufeinander beziehen. Gleichzeitig glaube ich, dass vieles von dem, was wir im Aussen suchen, auch als Möglichkeit in uns selbst angelegt ist.
Manchmal verkörpert ein anderer Mensch etwas, das wir uns selbst kaum erlauben: Freiheit, Durchsetzungsfähigkeit, Verletzlichkeit, Leichtigkeit, Stärke oder Unabhängigkeit. Statt diese Qualität selbst zu leben, erleben und „beziehen“ wir sie zunächst über das Gegenüber.
Was könnte also ein möglicher Weg sein?
Wieder mehr zu fühlen und mit uns selbst in Kontakt zu kommen.
So einfach das klingt, so herausfordernd kann es in der Praxis sein. Denn manche inneren Zustände fühlen sich existenziell an. Dann scheint fast jeder andere Weg leichter, als sich dem zuzuwenden, was gerade tatsächlich da ist.
Unsere jüngeren inneren Anteile „wissen“ gewissermassen noch nicht, dass wir heute erwachsen sind und viele Situationen nicht mehr dieselbe existentielle Bedrohung darstellen wie früher.
Ein Kind ist darauf angewiesen, dass seine Bezugspersonen für es sorgen. Um Bindung und Versorgung aufrechtzuerhalten, kann es lernen, eigene Bedürfnisse zurückzustellen, schmerzhafte Situationen auszuhalten oder Verhaltensweisen zu entwickeln, die ihm helfen, in seinem Umfeld zurechtzukommen.
Als Erwachsene können wir jedoch neue Erfahrungen machen.
Wir können bemerken: Diese verletzten oder ängstlichen Anteile gehören zu uns – aber sie sind nicht unser gesamtes Selbst. Wir können innerlich Abstand gewinnen, Situationen aus verschiedenen Perspektiven betrachten und jenen Teilen in uns, die sich verlassen, überfordert oder vernachlässigt fühlen, Zuwendung, Halt und Mitgefühl geben.
Wenn sich unsere Beziehung zu uns selbst verändert, können sich auch unsere Beziehungen im Aussen verändern.
Die Spannung des Ziehens und Ringens kann allmählich nachlassen. Das Gegenüber muss dann nicht mehr in gleichem Maße etwas auffüllen, retten oder kompensieren.
Denn vieles von dem, was sich zwischen uns und anderen Menschen abspielt, berührt gleichzeitig die Beziehung, die wir zu uns selbst haben.
Auch in uns gibt es unterschiedliche Wünsche, Stimmen und Bedürfnisse. Ein Teil möchte Sicherheit, ein anderer Freiheit. Einer möchte Nähe, während ein anderer Abstand braucht. Einer will sich zeigen, ein anderer fürchtet Zurückweisung.
Goethe beschrieb diese innere Vielstimmigkeit bereits mit den berühmten Worten:
„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“
Wenn wir zunehmend Verantwortung für unser eigenes Erleben übernehmen, kann ein anderes Miteinander entstehen. Begegnung wird ehrlicher, weil das Gegenüber nicht mehr ausschliesslich die Aufgabe erhält, unsere inneren Konflikte für uns zu lösen.
Wenn ich beispielsweise bemerke, dass ein Teil in mir nach mehr Freiheit ruft, könnte ich mich fragen:
Was brauche ich gerade, um mehr Freiheit in meinem eigenen Leben zu erfahren?
Was darf ich verändern?
Was darf ich vielleicht loslassen?
Und was hindert mich bisher daran?
Gelingt es uns, den Fokus immer wieder vom Aussen nach innen zu richten, können daraus ehrlichere und nachhaltigere Möglichkeiten des Handelns entstehen.
Das braucht anfangs möglicherweise sogar mehr Kraft. Langfristig kann dadurch jedoch Energie frei werden, die vorher im ständigen Kämpfen, Kontrollieren, Anpassen oder Erwarten gebunden war.
Beziehungen, die stark von solchen unbewussten Dynamiken geprägt sind, können sehr viel Kraft kosten.
Partnerschaft bedeutet für mich dagegen mehr, miteinander in Verbindung zu sein, ohne dass einer dauerhaft das tragen muss, was der andere in sich selbst nicht anschauen möchte. Sie schafft Raum für Begegnung, Eigenständigkeit und gemeinsames Wachstum.
Je mehr es gelingt, auch mit uns selbst in eine liebevolle Partnerschaft zu treten, desto mehr können sich unsere Erwartungen an andere verändern.
Der Blick wird freier.
Vielleicht beginnt dort wirkliche Begegnung: wenn wir den anderen nicht mehr in erster Linie dafür brauchen, etwas in uns auszugleichen, sondern ihn zunehmend als den Menschen wahrnehmen können, der er tatsächlich ist.




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