Die Meerjungfrau im Gipszimmer
Über Verbindung, Vertrauen und Multiperspektivität im Spital

Kennst du diese Situationen, die passieren und einfach nicht mehr rückgängig gemacht werden können?
Am Sonntag war ich genau in einer solchen.
Zwei Meter neben mir fiel meine Tochter zu Boden und brach sich den Arm. Als es passiert war, ich sie schreien hörte und schliesslich ihren Arm sah, war sofort klar: Wir müssen ins Spital.
Seit wir Kinder haben, mussten wir schon sehr unterschiedliche Erfahrungen in den Medizinhäusern unserer Zeit machen.
Als meine Tochter einmal eine ganze Nadel im Fuss stecken hatte, wollte man uns nach einem Ultraschall wieder nach Hause schicken. Von aussen war am Fuss nichts zu sehen ausser einem kleinen roten Punkt und einer sonderbaren Kerbe.
Damals war ich im Kampfmodus.
Manchmal braucht es diesen vielleicht auch, um Dinge, die wir als falsch erachten, zu verändern. Ich bestand auf weitere Abklärungen. Nach dem Röntgenbild stand plötzlich der Oberarzt an unserem Bett und staunte beim Betrachten des Bildes über die Tapferkeit unserer Tochter.
Durch und durch empfand ich es damals als Tortur, durch diese Räume zu gehen, Entscheidungen treffen zu müssen und gleichzeitig für mein Kind da zu sein. Vor allem durch meinen eigenen Stress war ich kaum in der Lage, mit meiner Tochter wirklich in einem ruhigen Kontakt zu bleiben.
Für mich war es tragisch zu sehen, wo unser Medizinsystem zu stehen schien: deprimiertes, genervtes und überlastetes Personal, viel Vertrauen in Technik und manchmal erstaunlich wenig Aufmerksamkeit für das, was unmittelbar vor einem liegt.
Die Gesundheitskosten sind immens gestiegen. Betrachtet man manche Spitäler von aussen, könnte man meinen, man stehe vor einem Wall-Street-Gebäude. Vor den Eingängen stehen rauchende Menschen, teilweise angeschlossen an ihre Infusion. In den Kantinen findet sich nicht selten eine Auswahl an Essen, die wenig mit dem zu tun hat, was wir gemeinhin unter Gesundheit verstehen.
Da frage ich mich schon: Wo ist unser Gesundheitsverständnis abhandengekommen? Wo ist das ganzheitliche Denken? Wo sind die Verbindungen?
Und ja, vielleicht klinge ich an dieser Stelle wie eine frustrierte Wutbürgerin.
Durch meine damaligen Spitalerfahrungen konnte ich jedoch auch besser verstehen, weshalb manche Menschen ihr Vertrauen in unser Gesundheitswesen verloren haben. Besonders sichtbar wurde diese Spaltung während der Coronazeit.
Wann fangen wir wieder an, uns miteinander zu verbinden?
Wann beginnen wir, unterschiedliche Lebenswelten nicht primär als Bedrohung, sondern als Bereicherung zu betrachten und voneinander zu lernen?
Spitäler braucht es. Keine Frage. Gerade an dem Punkt, an dem wir als Gesellschaft stehen.
Nach meiner jüngsten Erfahrung habe ich jedoch einen Unterschied festgestellt. Nicht im System Spital. In mir. Oder vielleicht genauer: in der Art, wie ich diesmal durch dieses System gegangen bin. Diesmal gelang es mir besser, in Kontakt zu bleiben. Mit mir, mit meiner Tochter und auch mit den Menschen, die uns dort begegneten.
Meine Tochter hatte starke Schmerzen, sobald sie ihren Arm bewegte. Nach unserer Ankunft im Behandlungsraum bekam sie bereits zwei unterschiedliche Schmerzmedikamente. Für das Röntgen wurde uns zusätzlich vorgeschlagen, ihr vorsorglich Fentanyl zu verabreichen, damit die notwendige Positionierung für die Bilder für sie besser auszuhalten wäre.
Eine kleine Anmerkung zu Fentanyl: Es ist ein stark wirksames Opioid und kann unter anderem Schläfrigkeit, Übelkeit und – insbesondere abhängig von Dosierung und individueller Reaktion – eine verlangsamte Atmung verursachen.
Da ich bereits in einem guten Kontakt mit der Ärztin stand, vereinbarten wir gemeinsam, dass wir dieses Medikament nicht vorsorglich geben, sondern nur dann, wenn wir es tatsächlich benötigen würden.
Mit enger Begleitung, viel Verbindung und Techniken aus der Hypnose funktionierte das Röntgen wunderbar ohne zusätzliche Verabreichung des Medikaments.
Ich bin dankbar, dass wir gemeinsam einen Weg gefunden haben, es zunächst ohne das zusätzliche Medikament zu versuchen – und dass die Ärztin bereit war, sich darauf einzulassen.
Aus der Metaperspektive ist mir gleichzeitig vollkommen klar, dass Zeitverzögerungen in einem so grossen Spital viel Geld kosten. Viele Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten, beklagen den Mangel an Zeit, um wirklich mit ihren Patientinnen und Patienten in Kontakt treten zu können.
Und genau dieser Kontakt wäre meiner Meinung nach für einen Genesungsprozess so wichtig. Wenn sich ein Mensch sicher, gesehen und verbunden fühlt, verändert sich etwas. Der Körper kann aus einem anderen Zustand heraus reagieren als unter Angst und massivem Stress. Gestresste Menschen übertragen Stress. Verbundene Menschen können Verbindung ermöglichen.
Da am Sonntag niemand im Spital war, der meiner Tochter den passenden definitiven Gips anlegen konnte, bekam sie für eine Nacht einen provisorischen Gips.
Mittlerweile war es spät. Meine Tochter war müde und mochte eigentlich nichts mehr ertragen.
Im Gipszimmer angekommen, stand auch dem Mann, der uns betreute, die Müdigkeit ins Gesicht geschrieben. Seine Abwehrhaltung war spürbar. Meine Tochter weinte. Sie wollte nicht mitmachen.
Der Mann erzählte mir, dass er zuvor bereits versucht hatte, einem anderen sechsjährigen Kind einen Verband anzulegen und nach zwei Stunden aufgegeben hatte. Er könne langsam nicht mehr.
Nach ungefähr zwei Minuten wollte er deshalb auch bei uns keinen Gips mehr machen und schlug stattdessen vor, ihr etwas Vorgefertigtes anzuziehen.
Er stand auf und ging zum Computer.
Als ich meine Bedenken äusserte, weil bei meiner Tochter bereits ein Bruch mit leichter Verschiebung festgestellt worden war, stimmte er mir zu: Ein solider Gips wäre doch besser.
Zwischenzeitlich machte er mir sogar den Vorschlag, es notfalls mit Gewalt zu versuchen – obwohl er selbst sagte, dass er eigentlich nicht dafür sei. Er habe einen Sohn, meinte er, und eigentlich wolle man das ja nicht.
Also versuchte ich, noch einmal Ruhe in die Situation zu bringen. Ich sprach uns allen Mut zu.
Wir schaffen das gemeinsam. Ich nahm meine Tochter zu mir. Sie weinte weiterhin und wollte ihren Arm zum Gipsen nicht freigeben.
Langsam breitete sich auch in mir Verzweiflung aus.
Und dann kam dieser Mann plötzlich mit einer Kiste voller Plastikspielzeug zurück.
Die Meerjungfrau hat uns gerettet.
Mit dieser Meerjungfrau begann ich, eine Geschichte zu spielen. Ich lenkte meine Tochter nicht einfach nur ab – wir tauchten gemeinsam in eine andere Welt ein. Und sie stieg darauf ein.
Der Mann konnte anfangen, den Gips anzufertigen.
Dazwischen taute auch er immer mehr auf und brachte plötzlich seine eigenen Ideen in unsere Meerjungfrauen-Geschichte ein. Wir kamen in einen Flow.
Was wenige Minuten zuvor noch beinahe aussichtslos erschienen war, gelang plötzlich.
Nicht, weil eine Person die Lösung hatte. Sondern weil sich etwas zwischen uns veränderte.
Meine Tochter liess sich auf die Geschichte ein. Der Mann liess sich auf uns ein.
Gemeinsam entstand eine Situation, die vorher nicht möglich schien.
Am Ende waren wir alle unglaublich erleichtert. Solche Momente erfüllen mich mit Dankbarkeit.
Vielleicht liegt genau darin etwas, das ich mir für unser Gesundheitswesen wünsche.
Nicht ein Entweder-oder. Nicht Schulmedizin gegen alternative oder komplementäre Methoden. Nicht Technik gegen Beziehung. Sondern Verbindung.
Ich glaube, wir als Einzelne können ein grosses System oft nicht einfach verändern. Wir können nicht jede Struktur aufbrechen, keinen Personalmangel beheben und auch nicht die Überforderung eines gesamten Gesundheitswesens auffangen.
Aber vielleicht beginnt Veränderung manchmal an einem viel kleineren Ort. Bei uns selbst.
In dem Moment, in dem wir uns trotz Angst, Erschöpfung, Wut oder Enttäuschung überwinden und wieder in Kontakt gehen. Mit uns selbst. Mit unserem Gegenüber. Mit dem Menschen hinter seiner Funktion. Genau das habe ich an diesem Abend erlebt.
Ich konnte das System Spital nicht verändern. Der Mitarbeiter im Gipszimmer konnte es ebenfalls nicht. Er war müde, ich war müde, meine Tochter war am Ende ihrer Kräfte. Und trotzdem entstand zwischen uns etwas Neues. Durch eine Plastikmeerjungfrau. Durch Spiel. Durch Verbindung. Plötzlich veränderte sich nicht das grosse System – aber die Situation.
Und vielleicht sind es genau diese kleinen Veränderungen, die irgendwann ansteckend werden können. Wenn ein Mensch anders in Kontakt tritt und ein anderer darauf reagiert. Wenn aus Abwehr wieder Zusammenarbeit wird. Wenn jemand erlebt, dass es auch anders gehen kann, und diese Erfahrung weiterträgt.
Vielleicht verändern sich Systeme am Ende auch dadurch: nicht nur durch Reformen von oben, sondern durch viele kleine Momente von Menschen, die sich entscheiden, wieder miteinander in Beziehung zu treten.
Ich wünsche mir, dass Methoden wie Hypnose dort, wo sie sinnvoll und fachgerecht eingesetzt werden können, selbstverständlicher ihren Platz in der Praxis finden. Dass wir offen bleiben für unterschiedliche Perspektiven und gleichzeitig anerkennen, was die moderne Medizin leisten kann. Denn für mich ist klar: Es braucht beides.
Es braucht Offenheit auf der alternativ- und komplementärmedizinischen Seite genauso wie auf der schulmedizinischen. Es braucht die Bereitschaft, einander zuzuhören. Multiperspektivisch zu denken. In Kontakt zu bleiben.
Und gemeinsam zu handeln.




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