Gefühle – haben wir mehr Einfluss, als wir glauben? Ist das vorstellbar? Dass wir mehr Einfluss auf unsere Gefühle haben, als wir oft glauben?

An einem Abend letzte Woche war ich mit meinen Kindern alleine zu Hause. Nach dem Abendessen stand ich in der Küche und räumte auf, während die Kinder im Wohnzimmer herumtollten. Plötzlich hörte ich ein lautes Schreien und bitterliches Weinen. Mein System wusste in diesem Moment sofort: Das ist aussergewöhnlich.
Mein Sohn war mit voller Wucht gegen die Wand gerannt – direkt mit der Stirn. Als ich ihn sah, nahm ich vor allem dieses riesige, rötliche Horn wahr, das aus seiner Stirn herausquoll. Geschockt und überfordert nahm ich ihn in den Arm.
In diesem Moment rasten unzählige Gedanken durch meinen Kopf und lösten die unterschiedlichsten Empfindungen und Gefühle aus.
Muss ich sofort zum Notarzt? So etwas Schlimmes habe ich noch nie gesehen. Angst floss durch mein System. Das ist so falsch. Hätten sie nicht besser aufpassen können? Wut war spürbar. Oje, ich bin eine schlechte Mutter. Ich kann nicht einmal auf meine Kinder aufpassen. Scham schoss durch mich hindurch. Dann bemerkte ich: Er sprach mit mir. Er wirkte wach und präsent. Erleichterung breitete sich aus. Schliesslich flossen Tränen über mein Gesicht. Ich konnte nichts mehr an der Situation verändern. Es war geschehen. Ich musste sie annehmen.
Genau diese Annahme führte mich zurück in die Verbindung – mit mir selbst und mit meinem Sohn. Dadurch konnte sich mein Unterbewusstsein an etwas erinnern: Meine Schwägerin hatte einmal erzählt, dass Beulen am Kopf oft viel dramatischer aussehen, als sie tatsächlich sind.
Langsam wurde ich wieder handlungsfähig. Ich holte ein Kühlelement und Arnikaglobuli und konnte wieder präsent für meinen Sohn da sein.
Vor nicht allzu langer Zeit wäre meine erste Reaktion bei einem Unfall meiner Kinder ganz anders gewesen. Ich hätte sofort gedacht: Das ist falsch. Absolut falsch. Wut wäre entstanden. Vielleicht hätte ich meinem Mann vorgeworfen, er hätte besser aufpassen müssen. Oder meinen Kindern gesagt: Ich habe dir doch gesagt, dass das gefährlich ist.
Mein ganzes System wäre voller Wut gewesen und hätte nach Aktivismus verlangt.
Nur: Wenn etwas bereits geschehen ist, kann ich es nicht mehr rückgängig machen. Wut bringt in solchen Momenten oft wenig – ausser vielleicht noch mehr Zerstörung und Trennung.
Wenn wir davon ausgehen, dass Gefühle aus der Wechselwirkung zwischen unseren Gedanken und unserer Umwelt entstehen, dann haben wir einen wesentlichen Einfluss darauf, welche Gefühle in uns entstehen.
Wir können die äusseren Umstände nicht immer verändern. Doch wir können lernen, unsere Gedanken bewusster wahrzunehmen und zu erkennen, welche Bedeutung wir einer Situation geben. Das bedeutet nicht, dass wir uns unsere Gefühle einfach aussuchen können. Es bedeutet vielmehr, dass wir ihnen nicht hilflos ausgeliefert sind.
Doch die meisten von uns haben nie gelernt, bewusst mit ihren Gefühlen umzugehen. Stattdessen erleben wir plötzlich ein ganzes Gefühlschaos, fühlen uns davon überfordert und beginnen, Gefühle zu unterdrücken, zu ignorieren oder destruktiv auszuleben.
Wenn wir jedoch nach und nach verstehen, dass Gefühle Kräfte sind, die uns besonders in sozialen Beziehungen unterstützen können, gelangen wir zu mehr Selbstwirksamkeit.
Vivian Dittmar unterscheidet fünf Hauptgruppen von Empfindungen:
1. Körperliche Empfindungen Sie entstehen durch Sinneseindrücke oder Schmerz.
2. Biologische Programmierungen Dazu gehören Trieb, Hunger, Durst, sexuelle Erregung, Eifersucht, Gier, Neid, Muttergefühle, Verliebtheit, biologische Angst und Aggression. All diese Empfindungen dienen unserem Überleben. In diesem Bereich ähneln wir den anderen Säugetieren sehr.
3. Gefühle als soziale Kräfte Wut, Angst, Trauer, Freude und Scham. Sie unterstützen unser soziales Miteinander.
4. Emotionen Emotionen sind angestaute, nicht vollständig gefühlte Gefühle. Sie können in Reinform oder als Mischformen auftreten.
5. Bewusstseinszustände Liebe, Mitgefühl, Hingabe, Annahme und Vertrauen. Diese entstehen nicht einfach automatisch, sondern verlangen eine bewusste Entscheidung. Meiner Meinung nach entsprechen sie dem Zustand eines regulierten Nervensystems – dem ventralen Parasympathikus.
Gefühle als Kräfte verstehen
Um Gefühle als Kraft nutzen zu können, ist es hilfreich zu verstehen, wofür sie eigentlich gedacht sind.
Wut
Wut entsteht, wenn wir etwas als falsch interpretieren.
Ihre Aufgabe ist es, uns in Handlung zu bringen. Vielleicht gilt es, eine Grenze zu setzen oder klar Position zu beziehen.
Ihr Schatten ist Zerstörung. Ihre Kraft ist Klarheit.
Wir brauchen Wut, um Nein sagen zu können. Um ebenso klar Ja zu sagen. Um Entscheidungen zu treffen, Grenzen zu setzen und für andere greifbar zu werden.
Trauer
Trauer entsteht, wenn wir etwas als schade interpretieren.
Sie hilft uns, anzunehmen, was wir nicht mehr verändern können.
Ihr Schatten ist Passivität. Ihre Kraft ist Liebe.
Wir brauchen Trauer, um loszulassen, Wertschätzung zu entwickeln, unsere Hilflosigkeit anzuerkennen, Frieden zu schliessen und in die Tiefe zu gehen.
Angst
Angst entsteht, wenn wir etwas als furchtbar interpretieren.
Ihre eigentliche Aufgabe ist es, kreative Lösungen und neue Wege zu finden.
Ihr Schatten ist Lähmung. Ihre Kraft ist Schöpfung.
Wir brauchen Angst, um Auswege zu entdecken, Lösungen zu entwickeln, uns auf Ungewisses einzulassen, Grenzen zu überschreiten und manchmal sogar unsere Lebensaufgabe zu finden.
Freude
Freude entsteht, wenn wir etwas als richtig interpretieren.
Sie lässt uns das Gute erkennen und wertschätzen.
Ihr Schatten ist Illusion. Ihre Kraft ist Anziehung.
Wir brauchen Freude, um das Leben zu geniessen, Beziehungen zu pflegen, mit Humor durchs Leben zu gehen und das Schöne bewusst wahrzunehmen.
Scham
Scham entsteht, wenn wir interpretieren: Ich bin falsch.
Ihr Schatten ist Selbstzerfleischung. Ihre Kraft ist Demut.
Wir brauchen Scham, um uns selbst zu reflektieren, unsere Grenzen, Fehler und Schwächen zu erkennen und anzunehmen, dass wir keine Übermenschen sind. Aus einer gesunden Scham können Demut und schliesslich auch Selbstliebe entstehen.
Oft fühlen wir entweder zu viel oder zu wenig. Genau darin liegt ein riesiges Potenzial.
Je nachdem, wie wir sozialisiert wurden oder welchem Geschlecht wir angehören, gelten manche Gefühle als erwünscht und andere als unerwünscht. Doch jedes Gefühl erfüllt einen wichtigen Zweck.
Wenn wir lernen, alle Gefühle und Empfindungen als Kräfte zu verstehen, die unsere Selbstwirksamkeit stärken und unser Miteinander bereichern können, verändert sich etwas. Wir erleben Gefühle nicht länger als Gegner, sondern als Wegweiser.
Das Leben wird dadurch nicht einfacher. Aber bewusster. Verbundener. Und letztlich auch bunter.




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