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Die Kraft der Imagination

  • stephaniehergersbe
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Vor zehn Jahren arbeitete ich in einer Institution für Menschen mit Behinderung auf einer Wohngruppe mit Kindern und Jugendlichen, die stark herausfordernde Verhaltensweisen zeigten. Immer wieder geriet ich in Situationen, die mich so sehr überforderten, dass ich innerlich erstarrte.


Innerhalb des Teams fehlte eine gemeinsame Grundhaltung im Umgang mit den schwierigen Situationen. Viele Mitarbeitende stiessen regelmässig an ihre Grenzen. So entwickelte sich zunehmend ein Kampf- und Überlebensmodus. Jeder versuchte in erster Linie, selbst irgendwie durch den Tag zu kommen. Im übertragenen Sinn kämpfte jeder um sein eigenes Überleben.


Die Situationen mit den Betreuten eskalierten teilweise so stark, dass Mitarbeitende körperliche Verletzungen davontrugen. Nach Feierabend kam ich oft völlig aufgewühlt nach Hause. Mein Nervensystem war überlastet, mein Körper voller Anspannung. Doch anstatt mir etwas Gutes zu tun und zur Ruhe zu kommen, spielte ich die belastenden Ereignisse immer wieder in Gedanken durch oder sprach ausführlich darüber. Ich erlebte dieselben Situationen innerlich immer und immer wieder.


Heute weiss ich, dass unser Nervensystem nicht zuverlässig zwischen einer realen Gefahr und einer intensiv vorgestellten Gefahr unterscheidet. Jedes Mal, wenn ich die belastenden Erlebnisse erneut durchlebte, aktivierte ich dieselben Stressreaktionen. So entstanden immer stärkere neuronale Verbindungen – aus kleinen Pfaden wurden regelrechte Autobahnen. Rückblickend muss ich manchmal schmunzeln: Hätte ich für andere Dinge mit derselben Ausdauer gelernt, könnte ich heute wohl vieles auswendig. Damals investierte ich jedoch unbewusst viel Energie darin, meine belastenden Gedanken immer weiter zu verstärken.


Ein Blick in die Natur zeigt einen spannenden Unterschied. Eine Antilope grast friedlich in der Savanne. Wird sie von einem Raubtier angegriffen und kann entkommen, sieht man ihr zunächst Schock und Angst deutlich an. Doch sobald die Gefahr vorbei ist, beginnt sie häufig zu zittern oder sich zu schütteln. Dadurch entlädt sie die aufgestaute Energie aus ihrem Nervensystem. Kurz darauf grast sie wieder ruhig weiter.


Beim Menschen verläuft dieser Prozess oft anders. Im Alltag erleben wir zwar selten lebensbedrohliche Situationen, doch Konflikte am Arbeitsplatz, Missverständnisse im Team, Streit in der Partnerschaft oder andere belastende Ereignisse versetzen unser autonomes Nervensystem ebenfalls in Alarmbereitschaft. Gelingt es uns anschliessend nicht, die Situation innerlich loszulassen und die aktivierte Energie wieder abzubauen, bleibt unser Körper im Stressmodus. Regeneration wird zunehmend erschwert.


Doch wie lässt sich dieser Kreislauf unterbrechen?


Eine tiefe hypnotische Trance kann unser Nervensystem in einen Zustand tiefer Regeneration führen. In einer ausreichend tiefen Trance verändert sich die Wahrnehmung auf mehreren Ebenen: Das Körpergefühl tritt zunehmend in den Hintergrund oder löst sich zeitweise fast vollständig auf. Die Aufmerksamkeit für die Umgebung nimmt stark ab, und auch das Zeitempfinden verändert sich.


Genau diese drei Veränderungen – die verminderte Wahrnehmung des Körpers, das Loslassen der Umwelt und das veränderte Zeiterleben – ermöglichen es dem Nervensystem, den Überlebensmodus zu verlassen und in einen Regenerationszustand zu wechseln.


Denn Menschen im Überlebensmodus richten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf drei Bereiche:


Den Körper: Ist er stark genug? Ist er sicher? Muss ich mich schützen?

Die Umwelt: Gibt es irgendwo eine Gefahr? Muss ich wachsam sein?

Die Zeit: Reicht die Zeit? Muss ich mich beeilen? Was passiert als Nächstes?


In einer tiefen Trance verlieren genau diese drei Bereiche vorübergehend an Bedeutung. Das Nervensystem erhält die Möglichkeit, aus dem dauerhaften Alarmzustand auszusteigen. Alte, belastende neuronale Verbindungen werden mit der Zeit schwächer, weil sie nicht mehr ständig aktiviert werden.


Gleichzeitig eröffnet die Trance einen wertvollen Raum für Veränderung. Mit Hilfe der Imagination können neue, stärkende Erfahrungen gemacht und neue neuronale Verknüpfungen aufgebaut werden. Anstelle von Angst, Anspannung und Überforderung dürfen Ruhe, Sicherheit und Vertrauen wachsen.


So wird die Kraft der Imagination zu weit mehr als einer Vorstellung. Sie wird zu einem Weg, das Nervensystem neu auszurichten, innere Balance wiederzufinden und Schritt für Schritt neue, gesunde Muster im Gehirn zu verankern.




 
 
 

1 Kommentar


s.weisweiler56
vor 4 Tagen

Sehr überzeugend!Danke!

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