Loslassen

Wie leicht fällt dir das Loslassen?
Meine Kinder sind gerade in einem Alter, in dem sie immer wieder um Dinge streiten. Dinge, die sie exakt zur selben Zeit wollen. So kommt es nicht selten vor, dass der Jüngere seiner Frustration Ausdruck verleiht, indem er die Ältere schlägt. Sie wiederum fühlt sich ungerecht behandelt – auch wenn sie ihm zuvor das Spielzeug weggenommen hat – und schubst zurück. Ein Pingpong beginnt.
Wenn ich dazukomme, höre ich aufgeregt: «Er hat!», «Sie hat!», «Aber sie hat …», «Aber …». Eine Endlosschleife von Anschuldigungen.
Irgendjemand muss loslassen. Von seinem Standpunkt abrücken. Das kann schmerzhaft sein und verlangt, das eigene Ego für einen Moment zurückzustellen.
Kinder brauchen in solchen Momenten oft Begleitung. Ihr System ist hoch aktiviert, der Sympathikus läuft auf Hochtouren – bereit für Kampf. Zuhören fällt schwer. Gelingt es jedoch, diese Spirale zu durchbrechen und den Weg zurück ins Miteinander zu finden – dorthin, wo es sich sicher, entspannt und spielerisch anfühlt –, entsteht auch wieder Raum für Empathie.
Als Mutter und als Mensch sind das für mich die schönsten Momente. Raus aus dem Kampf, hinein in Spiel, Spass und Freude. Dorthin, wo die Welt wieder entdeckungswürdig, sicher und voller Möglichkeiten erscheint.
Doch nicht nur Kinder erleben diese Dynamik. Auch bei Erwachsenen können wir sie immer wieder beobachten. Oft geht es dabei um viel subtilere Dinge: zum Beispiel um den eigenen Platz, darum, Recht behalten zu wollen, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen oder um informelle Regeln, die nie ausgesprochen wurden und trotzdem als selbstverständlich gelten.
Dazu eine kleine Anekdote aus meinem Alltag:
Letzte Woche hatte ich mit der Autogarage vereinbart, dass ich das Auto am Mittwochabend für den Service vorbeibringe, damit dieser am Donnerstag durchgeführt werden kann. Aus unerklärlichen Gründen war ich jedoch fest davon überzeugt, dass Donnerstag erst Mittwoch sei und ich das Auto deshalb erst am Abend bringen müsse.
Am Nachmittag rief mich der Mitarbeiter der Garage an und fragte freundlich, ob ich das Auto noch vorbeibringen würde. Gerade beschäftigt und etwas gestresst mit den Kindern antwortete ich voller Überzeugung: «Klar, am Abend. So haben wir das doch besprochen.»
Der sehr zuvorkommende Mitarbeiter sagte ruhig: «Kein Problem. Bringen Sie es einfach, wenn es für Sie passt.»
Da dachte ich: Dann bringen wir es eben jetzt. Vielleicht ist es dann sogar schneller fertig. Innerlich war ich trotzdem weiterhin überzeugt, dass ich eigentlich erst am Abend kommen müsste.
Als ich das Auto brachte, sagte ich nochmals selbstsicher: «Das war wohl ein Missverständnis.» Im festen Glauben, im Recht zu sein.
Der Mitarbeiter blieb freundlich und meinte nur: «Ja, das gibt es.»
Und genau in diesem Moment wurde mir klar, dass bereits Donnerstag war – und nicht Mittwoch.
Mein Körper füllte sich mit Scham. Meine Selbstillusion zerplatzte wie eine Seifenblase. Irgendwie überfordert mit der Situation entschuldigte ich mich kurz und verabschiedete mich.
Erst zu Hause wurde mir bewusst, wie sehr ich an meiner Überzeugung festgehalten hatte. Starr. Bereits gestresst. Diese Überzeugung gab mir vermeintliche Sicherheit und Halt, liess mich aber gleichzeitig in einer Art Röhrenblick verharren.
Gerade weil der Mitarbeiter nicht in die Verteidigung ging, sondern ruhig und verständnisvoll blieb, konnte ich aus dieser Dynamik aussteigen. Dafür bin ich ihm dankbar.
Als ich das Auto wieder abholte, brachte ich ihm eine Flasche Wein mit und entschuldigte mich nochmals ehrlich. Er freute sich sehr darüber, und wir plauderten noch eine Weile über dies und das – zurück im regulierten Zustand.
Für viele mag das ein banales Beispiel sein. Doch solche Momente erleben wir im Alltag ständig.
Wir halten an Vorstellungen fest. Es fällt uns schwer, sie loszulassen, zu verändern oder eine andere Perspektive einzunehmen.
Oft sind es Gedanken wie: Wenn mein Kind jetzt nicht XY macht, wird es später zu XY. Oder: Wenn ich jetzt nicht bis zum Letzten für mein Recht kämpfe, verliere ich mein Gesicht oder wirke schwach.
Für mich stellt sich immer wieder dieselbe Frage:
Lohnt sich dieser Kampf wirklich, nur um das eigene Ego zu schützen? Oder ist das Leben nicht viel schöner, wenn wir unser Ego immer wieder ein Stück überwinden können und dadurch empathischer mit uns selbst und mit anderen werden?
Sterben wir dabei?
Nein. Und ja.
Unser physischer Körper lebt ganz normal weiter. Doch ein Teil in uns, der unermüdlich um vermeintliche Sicherheit und Überleben kämpft – mit den unterschiedlichsten Strategien –, darf sterben.
Und genau da kann Neues entstehen: mehr Offenheit, mehr Verbundenheit und mehr Freiheit.





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