Wie der Zustand unseres Nervensystems unsere Gedanken beeinflusst
- stephaniehergersbe
- 11. Mai
- 4 Min. Lesezeit

Neulich beim Einkaufen ist mir wieder einmal aufgefallen, wie gestresst wir Menschen uns durch den Alltag bewegen. Mit den Self-Scanning-Kassen ist nochmals ein anderes Tempo in den Einkauf eingezogen. Die Menschen stehen ungeduldig in der Reihe – und wenn das rote Licht erscheint, weil beispielsweise ein Artikel nicht eingescannt werden kann, wird mit den Augen gerollt. Scheinbar bleibt uns immer weniger Zeit.
Uns wird versprochen, dass uns Technologie mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben schenkt – offensichtlich passiert jedoch oft das Gegenteil. Gemäss Gesundheitsförderung Schweiz fühlen sich mehr als 30 % der Erwerbstätigen emotional erschöpft. Laut dem Health Forecast 2025 von Sanitas fühlt sich zudem jede vierte Person gestresst. Die Hauptstressoren dabei sind negative Gedanken, Selbstzweifel und zu hohe Ansprüche an sich selbst.
Wenn wir das mit der «Nervensystem-Brille» betrachten, macht das durchaus Sinn. Wir befinden uns im Sympathikus – also in jenem Zustand, in dem unser Alarmsystem Gefahr signalisiert und wir uns für Kampf- oder Fluchtreaktionen bereitmachen. Unser Körper läuft auf Hochtouren, obwohl oft gar keine reale Gefahr vorhanden ist.
Und hier kommt der Vagusnerv ins Spiel – ein Begriff, der mittlerweile vielen bekannt ist. Geprägt wurde dieses Verständnis unter anderem durch Stephen Porges. Er erforschte bereits in den 1960er-Jahren die Herzratenvariabilität und entwickelte daraus die sogenannte Polyvagal-Theorie.
Einfach erklärt beschreibt diese Theorie, wie unser Nervensystem ständig prüft, ob wir sicher sind oder ob Gefahr droht. Und zwar nicht bewusst mit dem Verstand, sondern automatisch – innerhalb von Sekundenbruchteilen. Dieses feine Wahrnehmen nennt Porges «Neurozeption».
Je nachdem, wie unser Nervensystem eine Situation bewertet, reagiert unser Körper unterschiedlich. Fühlen wir uns sicher, können wir ruhig sein, klar denken, mit anderen Menschen in Verbindung treten und uns entspannen. Nimmt unser System hingegen Stress oder Gefahr wahr, schaltet es in den Sympathikus – also in Alarmbereitschaft. Wir funktionieren, kontrollieren, kämpfen, flüchten oder stehen ständig unter Spannung. Wird die Überforderung zu gross, kann unser System irgendwann sogar in eine Art Rückzug oder Erstarrung gehen.
Besonders spannend ist dabei, dass unser Nervensystem nicht isoliert funktioniert. Es reguliert sich auch über andere Menschen. Genau das beschreibt die sogenannte Co-Regulation. Ein ruhiger Blick, eine entspannte Stimme oder das Gefühl, verstanden zu werden, können unserem Nervensystem Sicherheit vermitteln.
Wenn uns Empfindungen, Reize oder Situationen zu viel werden, tendieren wir dazu, nicht mehr zu fühlen, sondern in den Kopf zu flüchten. Wir lenken uns ab – beispielsweise mit Medienkonsum, Alkohol oder exzessivem Sport. Scheinbar folgt unser Glaubenssatz noch immer dem Gedanken von René Descartes: «Ich denke, also bin ich.»
Doch vielleicht führt uns genau das immer weiter von uns selbst weg. Antonio Damasio prägte diesen Satz später neu, indem er schrieb: «Ich fühle, darum bin ich.»
Und so wünsche auch ich mir, dass wir wieder mehr unser gesamtes System betrachten, die Zusammenhänge verstehen und dadurch zu mehr Bewusstheit und schliesslich zu mehr Gesundheit gelangen.
Interessant ist dabei auch, dass sich die Verbindung zwischen Körper und Nervensystem schon seit jeher in unseren Volksweisheiten widerspiegelt. Aussagen wie «In der Ruhe liegt die Kraft», «Wie auf Nadeln sitzen», «Mir platzt der Kragen», «Mir sitzt die Angst im Nacken», «Kalte Füsse bekommen», «Wie gelähmt sein» oder «Ausgebrannt sein» beschreiben letztlich nichts anderes als unterschiedliche Zustände unseres Nervensystems.
Doch wie hängt das nun konkret mit unseren Gedanken zusammen? Vielleicht kennen wir alle folgende Situation: An einem Tag fühlen wir uns ruhig, sicher und bei uns selbst. Kleine Herausforderungen bringen uns nicht sofort aus der Balance, wir begegnen anderen Menschen offen und vertrauensvoll und haben das Gefühl, mit dem Leben verbunden zu sein. An einem anderen Tag hingegen reicht bereits eine kleine Bemerkung, eine Nachricht oder ein voller Terminkalender, und plötzlich kreisen unsere Gedanken nur noch um Druck, Zeitmangel oder Selbstzweifel.
Oft glauben wir dann, mit uns stimme etwas nicht oder wir müssten einfach «positiver denken». Doch aus Sicht des Nervensystems macht auch das Sinn. Unsere Gedanken entstehen nicht losgelöst von unserem Körper. Je nachdem, in welchem Zustand sich unser Nervensystem befindet, verändert sich auch unser innerer Dialog.
Fühlen wir uns sicher und verbunden – also im ventralen Parasympathikus –, denken wir meist klarer, wohlwollender und vertrauensvoller. Gedanken wie «Ich habe genug Zeit», «Ich bin fähig», «Ich vertraue» oder «Ich bin gut so, wie ich bin» entstehen viel natürlicher.
Befinden wir uns hingegen im Sympathikus, also in einem Zustand von Alarm und Anspannung, verändert sich auch unsere innere Sprache. Dann wird alles schneller, enger und drängender. Gedanken wie «Ich muss das jetzt sofort erledigen», «Ich habe keine Zeit», «Es darf nichts schiefgehen» oder «Was denken die anderen über mich?» treten in den Vordergrund.
Und wenn unser System irgendwann in einen Zustand von Erschöpfung oder Rückzug kippt – den dorsalen Parasympathikus –, verändern sich auch dort unsere Gedanken. Plötzlich wirkt alles schwer, sinnlos oder hoffnungslos. Gedanken wie «Ich kann nicht mehr», «Es bringt ja sowieso nichts» oder «Ich bin allein» können auftauchen.
Jeannine Mik beschreibt dies sehr treffend mit ihrem Buchtitel: «Wir sind mehr als unsere Gefühle.» Vielleicht gilt das auch für unsere Gedanken. Denn nicht jeder Gedanke, den wir haben, ist automatisch die Wahrheit. Oft sind Gedanken vielmehr Ausdruck des Zustands, in dem sich unser Nervensystem gerade befindet.
Schliesslich macht es deshalb Sinn, unsere Gedanken bewusster zu beobachten – nicht um sie zu kontrollieren, sondern um besser zu verstehen, in welchem Zustand wir uns gerade befinden.
Und manchmal kann es in einer Diskussion oder in einem Streit helfen, kurz innezuhalten, einen Schritt zurückzutreten und sich selbst zu regulieren, bevor wir reagieren. So entsteht wieder Raum für Verbindung, Kontakt und letztlich auch für echten Konsens.
Hypnose kann dabei unterstützen, in einen Zustand von Regulation zu finden und eingefahrene Gewohnheitsmuster, die sich im Alltag eingeschlichen haben, zu verändern und zu transformieren.




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